Ausgekehrt ist schnell – Ein Essy von Felix Maria Arnet

Ausgekehrt ist schnell

Die kurze Distanz zwischen Leben und Tod

Ein Essay von Felix Maria Arnet

Der Morgen war sonnig und es sollte ein erfolgreicher Tag werden. Ich war früh aus dem Haus und auf meinen Termin gut ­vorbereitet. Heute sollte es zur Auftragsklärung eines großen Pharma­konzerns gehen. Ich wusste, es geht um meine ­Paradedisziplin „Self Branding”, ein ­junger, ehrgeiziger Bereichsleiter wollte seine Präsentationsfähigkeiten und seine Rhetorik verbessern. Da ich schon einige Coachings für dieses Unternehmen ­absolviert hatte, war der Auftrag wie für mich gemacht. Also war ich heute gut drauf, trug meinen Lieblings­anzug und fühlte mich rundherum wohl.

Ich wollte noch rasch in die Praxis, die Gelegenheit war perfekt, um der Human Resources Managerin mein neues Tool für Talent Development vorzustellen. Dazu benötigte ich noch einige Unter­lagen, also parkte ich kurz vor meinem Büro um die Präsentation auf mein Tablet zu spielen. Fast unbemerkt, da am Tag mindestens 20 mal das Martinshorn von der Straße zu hören ist, fuhr ein Kranken­­wagen am Haus vorbei, direkt hinterher raste ein Notarztwagen. Ich murmelte nur in mich hinein: „Da ist wohl was passiert, hoffentlich komme ich ohne Stau zum Termin.”

Ich packte meine Sachen, griff meinen Mantel und ging zum Auto. Von weitem konnte man den Krankenwagen und den Notarzt erkennen, die beiden Fahrzeuge standen mitten auf der Straße und so konnte kein Auto mehr vorbei. Das hieß für mich, eine andere Route als geplant einzuschlagen. Während der Fahrt musste ich an die Sachlage mit dem Notfall denken: wem war da wohl ein Leid ­widerfahren?

Mein Termin gestaltete sich als gewinnbringend und ich hatte einen neuen Auftrag in der Tasche. So gestärkt fuhr ich zurück ins Büro. Diesmal nahm ich die ­bekannte Route und parkte auch wieder auf meinem Parkplatz, vor dem Büro. Aber es hatte sich etwas verändert, da wo eben noch die Sanitäter und die Ärzte ­versuchten ein Leben zu retten, stand nun ein ­Leichenwagen. Ich griff in meine ­Tasche und verriegelte mit der Fernbedienung meinen Wagen, just in diesem Moment trugen zwei Männer einen ­leblosen Körper, gebettet auf eine graue Trage, aus dem Haus.

Wie schnell ist ein Leben zu Ende, selbst an so einem schönen Tag. In letzter Zeit, jetzt wo „Mann” deutlich die Hälfte des Lebens überschritten hat, wird einem ­bewusst, wie endlich doch so ein Leben ist. Ich kannte diesen Menschen nicht, war es ein Unfall, war es eine Herzattacke? An diesem Tag ­beschloss ich nur noch etwas für mich zu tun, ging in unseren schönen Kurpark, besuchte ­meinen Maßschneider und ­genoss mit ihm in der Sonne eine gute Tasse Espresso. Abends erzählte ich meiner Familie von meinem Erlebnis, die Kinder konnten damit nichts anfangen, meine Partnerin merkte mir meine ­Nachdenklichkeit allerdings an. Wir erzählten noch ein wenig, wie wir ­unseren bald anstehen Urlaub genießen wollen und meine Frau mahnte mich an, doch endlich mal zur Krebsvorsorge zu gehen.

Drei Tage waren vergangen, es war ­wieder kalt und es schneite sogar. ­Unschönes Wetter für Anfang April! Als ich in etwa der Höhe des Hauses, wo sich am Montag zuvor der Todesfall ­ereignete, mein Auto abstellte, konnte ich sehen, wie ein Arbeitertrupp eine Wohnung entrümpelte. Die Männer ­packten nicht viel in ihren LKW, den „Rest dieses ­Lebens” stellten sie unachtsam einfach als Sperrmüll auf das ­Trottoir. So schnell wird ein Leben ausgekehrt. Ich wünsche dem Menschen, der da auf seine letzte Reise geht, eine gute Zeit. Vielleicht eine achtsamere als hier, wer weiß.

»Wir wollen heute allzu viel beim Sichtbaren stehenbleiben –
vielleicht ist es ­besser etwas mehr von unseren Fähigkeiten zu nutzen,
um eigene sowie fremde Gefühle wahrzunehmen und zu verstehen.«
Felix Maria Arnet

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